EDV-Unterricht in der
Oberstufe
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„Es gibt drei Gewalten auf
Erden, Es ist das Ziel mancher Politiker, jedem Schüler ein Notebook an die Seite zu geben, mit dem die Hausaufgaben erledigt werden, die in der Schule vom Zentralrechner auf Anweisung des Lehrers via Netzwerk übernommen wurden. Zu diesem Szenario gehört eine Lehrerschaft, die souverän mit Hard- und Software umzugehen vermag, außerdem bildschirmbegeisterte Jugendliche, fehlerlose Arbeitsgeräte und Programme und die ideale mediale Lerntechnik. Doch leider fehlt das Geld: die Staatssäckel sind leer und den Eltern (möglichst schon der Kindergartenkinder) wollte man die Kosten noch nicht aufbrummen. Mit etwas Abstand wir dies auch Medien- oder Technologiekompetenz genannt. Die Gründe für diese Ziele sind weder pädagogischer noch menschenkundlicher Natur, sondern rein wirtschaftlicher. Deutschland fehlen tausende IT-Spezialisten, die meisten Arbeitsplätze werden in Zukunft an die EDV gebunden sein, wir unterliegen internationalem Wettbewerbsdruck, wir werden unseren Wohlstand nicht halten können, wenn wir nicht gegen steuern, und mitmachen.... - Ein anderes Szenario wagt kaum jemand zu entwerfen. Als einer der wenigen ruft Clifford Stoll mit einer ganz anderen Stimme in diese stromlinienförmige Welt. In seinem Buch „High-Tech-Ketzereien“ (2001, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M) berichtet er von der „... Gänsehaut...“, die er in einer Kultur bekommt, „die Computer wie Heiligtümer verehrt“. Stoll entwickelte in den 70er Jahren die Vorläufer des heutigen „world-wide-web“, so kann man ihm die Erfahrung kaum absprechen, wenn er fordert, „unsere technologische Welt menschengerechter zu machen anstatt die Menschen maschinengerechter“ und wenn er behauptet: „so verliert eine Unterrichtsstunde an Niveau, wenn sie durch eine viertelstündige Computereinlage unterbrochen wird“. Im zweiten Kapitel zerpflückt Stoll den Begriff des „Computerwissens“. Er zeigt auf, dass jede Bedienung eines Computers nichts mit Wissen im eigentlichen Sinne zu tun und daher in der Schule nichts verloren hat, ebenso wenig wie die Bedienung eines Autos oder einer Videoanlage. Er fragt, was die besseren Voraussetzungen für ein erfülltes Leben und die größeren Vorteile im Berufsleben bringt: „eine Kindheit mit Nintendo und Computerspielen oder eine mit Wandern und Radfahren“. Die meisten Menschen heute haben ihr Handwerk für ihren PC-Arbeitsplatz nach der Schule gelernt. Im Gegensatz dazu lernen Erwachsene neue Fertigkeiten wie Sprachen, Spielen von Musikinstrumenten, Halten von Reden oder Gymnastik aber nur sehr schwer. Dies sollte in der Schule geschehen. „Für fast alle Arbeiten an höheren Schulen (...) ist die Suche nach Material im Internet nicht nur unnötig, sondern schadet sogar“. Viel wertvoller sei es, wenn ein Sechstklässler seine Arbeit über Schmetterlinge schreibt, „nachdem er Pfauenaugen über einer Sommerwiese beobachtet hat“, als wenn er „eine Multimedia-Show mit den neuesten entomologischen Forschungsergebnissen aus dem Internet“ zeigt. Stoll: „Wer profitiert vom Trend zum Computer? Natürlich die Industire... . Was wissen diese Firmen schon über Kindererziehung - und was kümmert sie das?“ Stoll weist auf Untersuchungen hin: „Viele der Kinder, die sich mit Technik gut auskennen, können sich sprachlich nur schlecht ausdrücken. Es fehlt ihnen das nötige Wissen, das ein wirklich gebildeter Mensch braucht.“ „Man kann sehr leicht den geübten Umgang mit den Computern mit Intelligenz verwechseln, aber ein Profi zu sein, heißt noch lange nicht, dass man klug ist. Und wenn man von Computern nichts versteht, heißt das noch lange nicht, dass man dumm ist.“ Warum gibt es nun dennoch einen EDV-Unterricht an der Waldorfschule Heidenheim? Müssen wir nicht sehr ökonomisch mit der wertvollen Zeit umgehen? Der Zusammenhang mit dem massiven Auftreten dieser Technologie ist natürlich unverkennbar. Doch, gehen wir differenzierter vor. Nach Cordes & Miller (Colleen Cordes/Edward Miller: „Die pädagogische Illusion“; Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2002; Original: „Fools Gold. A Critical Look at Computers in Childhood, Alliance for Childhood, USA 2000) erfordert die erwünschte Medien- oder Technologiekompetenz ein Dreifaches: 1. zu wissen, wie ein bestimmtes Werkzeug zu handhaben oder einzusetzen ist 2. wenigstens in etwa zu verstehen, wie es funktioniert 3. die Fähigkeit zu entwickeln, kritisch und selbständig über den gesamten Bereich der Konstruktion und Anwendung von Technologien und ihrer Anpassung an persönliche, soziale und ökologische Ziele nachzudenken, damit sie der Erhaltung des Lebens auf der Erde dienen. Dabei nimmt nach Ansicht der Autoren die Wichtigkeit von Punkt 1 bis Punkt 3 zu. Zunächst müssen wir uns rechtfertigen, dass der Unterricht an der Waldorfschule in Heidenheim erst in Kl. 10 beginnt und nicht in Kl. 5 oder noch früher. Ein wesentlicher Kunstgriff der Waldorfpädagogik ist die Abhängigkeit des Lehrstoffes von der leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen. So setzt die Physik in der 6. Klasse ein, weil die Denkkraft hier massiv zur Verfügung steht, doch ist damit nicht gemeint, dass Kinder nicht schon vorher technische Geräte bedienen können oder das technische Basteln verboten ist. Nun setzen wir unsere Übereinstimmung mit dem Leser darin voraus (Cordes & Miller leiten die folgende Feststellung ausführlich her), dass die Kinder zunächst eine ordentliche und sichere Handschrift erwerben, dass sie im Kopf und auf Papier Rechnen lernen, dass sie Grundfertigkeiten mit den Händen erüben (handwerklich, künstlerisch), bevor automatisierende Vorgänge dieses ablösen. Der Computer ist in bezug auf seine Möglichkeiten ein wahres Genie, doch erlernt das Kind von und mit ihm niemals so grundlegende Fähigkeiten wie Phantasie, Engagement, innere und äußere Beweglichkeit, Rücksichtnahme, Selbstkritik, Toleranz usw. Hauptgrund für die schulische Behandlung des Themas ist das Heranführen der jungen Menschen an verbreitete Techniken der Gegenwart. Dabei möchte ich an das eingangs erwähnte Zitat erinnern: welche Gewalt übt eine nicht verstandene Sache auch auf uns Erwachsene noch aus? Ich wünsche unseren Schülern, dass sie dieses Medium prinzipiell durchschauen, seine Möglichkeiten kennen und an der richtigen stelle einsetzen. Inhaltlich ist für eine Behandlung im Unterricht Folgendes lohnend: 1. technische Grundkenntnisse zum Verstehen der Hardware, 2. erste Schritte im Programmieren (Software) und 3. ein Überblick über häufige und wichtige Anwendungen sowie deren Grenzen und gesellschaftliche Folgen. Zu 1.: Voraussetzung für eine ökonomische Vermittlung der technischen Grundlagen sind Kenntnisse der Elektrizität sowie des dualen (binären) Zahlensystems. Letztere werden erst in Kl. 9 gelegt. Gegenwärtig findet der Kurs zur Computertechnik in der 10. Klasse statt. Der genaue Inhalt sprengt hier den Rahmen. Doch gibt das gegenwärtige Konzept unserer Schule dem Schüler Gelegenheit, sich technisch forschend zu betätigen. Er entwickelt einen Schaltplan für einen kleinen Rechner (Addierer), den er letztendlich lötet und zusammenbaut. Es wird dabei klar, dass der Computer nicht zaubert, sondern allein von den richtig verknüpften elektrischen Schaltungen abhängig ist. Es schließt sich noch eine einführende Schulung im Schreiben mit zehn Fingern an. Zu 2.: Das tatsächliche Programmieren in einer heute üblichen Programmiersprache ist sehr aufwendig und kaum in einem Kurs von 36 Unterrichtstunden befriedigend zu erlernen. Dazu kommt, dass diese Tätigkeit sehr trocken und nur für einige ’Kracks’ lohnend ist. Nur wenige Schüler werden diesen Sprachen wieder begegnen. Deshalb haben wir einen Kompromiss gewählt, indem wir den Schülern die Grundlagen der im Internet sehr verbreiteten und relativ einfachen HTML-Sprache vermitteln, die in der Anwendung für die Schüler direkt erlebbar wird. Sie setzen sich dabei auch mit dem Medium Internet auseinander, das Fragen im Umgang der Menschen untereinander aufwirft. Wozu ist das Internet geeignet? Wie begegne ich dort dem Anderen? Welche Methoden verwendet es (es sind z.B. die technischen Protokolle vergleichbar denen der Diplomatie)? Wie halte ich etwas geheim (Verschlüsselung)? Gerade in Klasse 11 tritt die Frage: „wie begegne ich dem Anderern?“ in vielen Schülern noch einmal ganz neu auf. Anschließend erstellen die Schüler eine Website möglichst für eine andere Einrichtung oder sogar eine Firma (die Ergebnisse sind von der Schulwebsite aus zu erreichen). Hierbei benützen sie einen modernen Webeditor, der komfortabel zu bedienen ist und den HTML-Code im Hintergrund erstellt. Des Weiteren lernen sie einen ersten Umgang mit einem Grafikprogramm. Zu 3.: Einen Überblick über wichtige Anwendungen bekommen die Schüler derzeit nur ungenügend, da keine weitere Unterrichtsmöglichkeit mehr besteht. Vor allem wäre eine Auseinandersetzung mit einer Datenbank wünschenswert, die nicht umsonst die „Königsdisziplin“ der EDV genannt wird. Hier nimmt der Computer dem Menschen am effektivsten Arbeit ab. Aber auch ein leistungsfähiges Textprogramm sollte mit den Schülern geübt werden: Aufgaben wären: eine formvollendete Bewerbung, ein Geschäftsbrief (eine gezielte aber höfliche Ausdrucksweise!), Serienbriefe usw. Im Ausblick möchte ich kurz die Altersstufen diskutieren, in denen der EDV-Unterricht stattfindet: Den ersten Themenkomplex würde ich gerne in die 9. Klasse vorverlegen, sollte doch mit dem Jugendlichen dieses Alters das Neueste einer Zeit besprochen werden, er erhielte das Gefühl: „ich kann alles verstehen und lernen, wenn ich mich darum bemühe“. Daraus kann der Mut wachsen, auch schwierige Aufgaben anzugehen. Das Zehnfingersystem könnte meiner Ansicht nach auch schon in der 7. Klasse geübt werden, doch bietet es auch in einer 9. Klasse genügend Herausforderungen für die Schüler: Durchhaltevermögen, Exaktheit, Fingerfertigkeit (die dann auch zu einer gewissen Reife kommen sollte). Der zweite Themenkomplex liegt meiner Ansicht nach in der 11. Klasse richtig. Natürlich kann auch schon ein kleines Kind eine Website erstellen, doch scheint mir gerade der soziale Hintergrund des Internets sehr besprechenswert zu sein - soziale Fragen und deren gesellschaftliche Konsequenzen sind in der 11. Klasse besonders aktuell. Das dritte Thema passt sehr gut in die 10. Klasse. Hier lernt der Jugendliche das Handwerk, mit dem er später Bewerbungen schreibt, das ihm bei der Jahresarbeit hilft und mit dem er sich in der „Sprache“ des modernen Menschen ausdrückt. In der 12. Klasse sollte der Schüler bei Bedarf dieses Medium nutzen können. Hier ist ein eigener Unterricht nicht mehr nötig. Der von Cordes & Miller geforderte dritte Punkt (s.o.) ist nicht an den EDV-Unterricht gebunden, er sollte vielmehr in jedem Fach eine Rolle spielen. Tobias Wolman |