Zur Geschichte und Entwicklung der Freien Waldorfschule Heidenheim

Kurzer Überblick

Schon in der Eiszeit waren im Kreis Heidenheim Menschen angesiedelt, was z.B. durch die Vogelherdhöhle belegt ist. Auch in keltischer und dann wieder in der römischen Zeit erscheint Heidenheim als ein wichtiger Standort in Süddeutschland. Im Mittelalter finden sich dann alle klösterlichen Orden durch Bauten in dieser Gegend versammelt. Es scheint, als sei das Christentum hier auf einen besonders fruchtbaren Boden gefallen, der einen wesentlichen Beitrag zur Weltentwicklung ermöglichte. Ist es da noch erstaunlich, dass der Kreis Heidenheim die meisten homöopathischen Vereine mit großer Mitgliederzahl in Deutschland ausweist?

Da die Waldorfpädagogik auf der von Rudolf Steiner gegründeten Anthroposophie fußt, ist von Interesse, dass Schon 1911 in Heidenheim ein Zweig der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft eröffnet wurde und Rudolf Steiner 1918 und 1919 bedeutende Vorträge in unserer Stadt hielt.

Durch das Bemühen der vielen Mitglieder in der Anthroposophischen Gesellschaft wurde eine geistige Substanz gebildet, die Voraussetzung für die Gründung einer Waldorfschule ist. Alfred Meebold, Hanns und Lore Voith, Lieselotte Zoeppritz und Dr. Hans Klett seien als Vorbilder erwähnt.

Nach dem zweiten Weltkrieg, ernüchtert durch den ausgelebten Völkerhass, sammelten sich impulsgebende Persönlichkeiten um Hanns Voith, um sich Gedanken über die Zukunft Europas zu machen. Schnell wurde klar, dass man mit den Kindern versuchen würde, die Zukunftsideale anzugehen, ihnen zu helfen, den neuen Weg zu finden, der nur aus ihnen selbst kommen kann.

Eine begeisterte und mutige Gruppe aus Eltern, Lehrern und der Familie Voith begann mit den Vorbereitungen für die neue Schule, die die anthroposophische Pädagogik als Grundlage zur freien Entfaltung der menschlichen Individualität nehmen wollte.

Im April 1946 wurde die Freie Waldorfschule Heidenheim feierlich eröffnet. 10 Eltern mit 12 Schülern und 5 Lehrern begannen in den Räumen der Villa Eisenhof im Voithgelände mit dem hoffnungsvollen neuen Werk. Frau Zoeppritz, Frau Dr. Erlacher, Frau Munk, Frau Kieser und Herr Lange waren das Gründungskollegium.

1947 folgte der Kindergarten und die beiden Einrichtungen wuchsen rasch. Eine intensive Arbeit der Lehrer und das große Mittragen der Freunde im Umkreis steigerten die Substanz der Schulwesenheit und gaben den Kindern eine wirkliche Hülle.

Es fehlte in den ersten Jahren an „Allem“ was man für eine Schule materiell braucht. Keine Schulräume, keine Tische und Stühle, keine Hefte und keine Stifte waren zu erhalten. Alles bestand aus Improvisation. Dabei gab es Klassen mit unvorstellbar vielen Schülerinnen und Schülern, da die Heidenheimer Schulen erst langsam wieder öffnen, 85 Schüler in der 6. Klasse war „Rekord“.

Die Lehrer hatten so wenig Geld, dass sie oft von Eltern und Freunden unterstützt werden mussten. 1950 betrug das Grundgehalt DM 338,--. Die Beträge wurden unter großem Verzicht von Eltern und Freunden aufgebracht.

Das kompromisslose Eintreten der Waldorfschule für eine kindgerechte, d.h. an der Entwicklung des Kindes abgelesenen Erziehung, wurde auch in der Öffentlichkeit anerkannt. Die Stadt Heidenheim begann mit der finanziellen Förderung der Schule durch Jahresbeiträge zum Etat.

1953 hatte die Schule 12 Klassen mit 420 Schülern und entschloss sich auf Druck der Eltern 1955 das Abitur einzuführen. Angedacht war damals, dass dies nur eine Übergangslösung sein könne, die durch eine „waldorfeigene“ prüfungsähnliche Form abgelöst werden müsse. Die interne Lehrerarbeit, das Impulsieren der Arbeit erfolgte aus der Anthroposophie bei allen Tätigen und brachte Licht und Wärme in die Schule.

Der freichristliche Unterricht und die dazugehörenden Handlungen wurden zentrale Substanz im Schulgeschehen. Die Raumfrage wurde akut, waren doch die Schulräume auf drei Standorte in der Stadt verteilt und das Turnen musst in der Zoeppritz-Turnhalle stattfinden.

Die Firma Voith baute auf ihrem Gelände ein Schulhaus mit allen Klassenräumen. Auf dem Gelände des alten Bunker wurde ein kleiner Festsaal (Goethesaal) und naturwissenschaftliche Räume errichtet. Auch der Kindergarten erhielt ein eigenes Haus im Voith-Garten.

1959 wurde gemeinsam mit der Voith-Ausbildungsstätte eine Turnhalle neben der Schule und der Kirche der Christengemeinschaft gebaut, die die Firma Voith finanzierte. Miete, Strom, Reparaturen und der Hausmeister wurden von der Firma Voith bezahlt.

1960 sanken nach schlechtem Abitur die Schülerzahlen und durch die nun einsetzende Konkurrenz der staatlichen Gymnasien, die ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. 1963 wurde das Abitur nicht mehr in Heidenheim, sondern an der Uhlandshöhe in Stuttgart vorbereitet und nach einigen Jahren mit der Ulmer Waldorfschule zusammen abgenommen.

1965 waren nur noch 12 Schülerinnen und Schüler für die erste Klasse angemeldet. Eine neue kraftvolle Initiative setzte ein. Das Kollegium verstärkte und vertiefte die innere und äußere Arbeit an der Pädagogik und ging überall neue Wege.

Der künstlerische Unterricht wurde verstärkt (durchgehend in der Oberstufe 4 Doppelstunden in der Woche), der Stundenplan in der Folge der Stunden und im Zeitplan harmonisiert (die ganze Schule schloss um 12.00 Uhr, der Nachmittagsunterricht begann um 15.00 Uhr). Die Zusammenarbeit mit den Eltern wurde erweitert und vertieft. Eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit mit Tagungen, Ausstellungen, Vorträgen auch in den kleinen Orten des Kreises Heidenheim und in Aalen zeigten bald Wirkung, die Schülerzahlen stiegen wieder.

Eine neue Gehaltsordnung, die die bis dahin geübte Praxis der beamtenähnlichen Besoldung ablöste, orientierte sich an den tatsächlich benötigten Geldern der sozial unterschiedlichen Bedingungen. (Einzelperson, verheiratet, Kinder usw.). Es ist genügend Geld vorhanden, um die so geregelten Bedürfnisse des stark personell angewachsenen Kollegiums zu befriedigen.

Die Mittlere Reife wurde in der Schule eingeführt und durch die Neufassung der Ziele in die 12. Klasse integriert. In der Öffentlichkeitsarbeit wurde die „Freie Schule in der Gesellschaft“ Grundmotiv für Veranstaltungen (Konzerthaus und Feuerwache).

1966 kamen durch die gewachsene Schülerzahl und die Notwendigkeit mehr Gruppenarbeit machen zu wollen erste Überlegungen zur Erweiterung des Schulhauses. Nach intensiven Gesprächen mit Lore und Dr. Hanns Voith wurden neue Ziele ins Auge gefasst. Statt eines weiteren Anbaus sollte an anderer Stelle ein Neubau entstehen (den geschätzten Kosten des Anbaus von 170 TDM standen nun 3,5 Mill. für einen Neubau ohne Gelände gegenüber).

Die Freie Waldorfschule Heidenheim ging in ihr 4. Jahrsiebt. 1967, 21 Jahre nach der Gründung zeigten sich neue zukunftsorientierte Impulse. Der Leib der Schule (Bau) sollte den ihr zur Verwirklichung angestrebten Zielen, der Pädagogik auf anthroposophischen Grundlage, angepasst werden. Ein zeitgemäßer Neubau für Menschen sollte entstehen, der auch für die Stadt Heidenheim und ihren Bürgern offen stehen sollte. Im Vordergrund war aber die Entwicklung der Kinder. Durch eine umfassende Bewusstseinsarbeit der pädagogischen Notwendigkeiten wurden Raumformen zusammen mit den Architekten der Arbeitsgruppe „Plastisch Organisches Bauen“ unter der Leitung von Werner Seyfert entwickelt. Da kein Geld zum Bauen vorhanden war, wurde der Bauimpuls vertieft, die Zeitnotwendigkeit des künstlerischen Bauens in die Elternschaft, zu den Gemeinderatsmitgliedern, den Kreisräten und in die Bevölkerung getragen. Überall war große Zustimmung und die Finanzen stabilisierten sich. Der Grundsatz, zuerst zu klären: Was wollen wir? Was brauchen wir? und dafür zukunftsträchtige Lösungen zu erarbeiten, um dann nach der Finanzierbarkeit zu fragen, erfüllte die Erwartungen: Der Impuls brachte das Geld!

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die so entstandene Heidenheimer Waldorfschule eine in ihrer Konsequenz einmalige, überzeugende Gesamtgestalt bekam.

1974 war der festliche Einzug in das neue Gebäude, der auch vom damaligen Oberbürgermeister Martin Hornung mit Verständnis und Entschlusskraft unterstützt worden war. Der auch für die Öffentlichkeit gebaute Festsaal mit dem Versprechen der Schule, dass alle kulturell wertvollen Veranstaltungen darin stattfinden können, wurde besonders gefeiert. Meisterkonzerte und viele Theateraufführungen der Stadt Heidenheim fanden in unserem Hause statt.

Erwähnt soll auch werden, dass kurz vor der Realisierung dieses Bauwerks ein Versuch, die Waldorfschule mit der Voith-Ausbildungsstätte als Modellschule mit staatlicher Aufsicht zu etablieren, vom Kollegium abgelehnt wurde. Der Bund der Freien Waldorfschulen und die Familie Voith hatten sich für dieses Projekt, vehement eingesetzt.

1975 fand unter großer Beteiligung der Elternschaft die erste Elternratstagung des Bundes der Freien Waldorfschulen in Heidenheim statt.

1979, 33 Jahre nach der Eröffnung der Schule war die erste große Krise zu bewältigen. Alte, erfahrene Kolleginnen und Kollegen gingen in den Ruhestand (Frau Jasper, Frau Munk, Frau Zoeppritz, Frau Witzemann, Herr Dr. Müller und Herr Munk schieden aus) die nachfolgenden Lehrer waren kaum in der Lage, die Schule auf ihrem Niveau weiter zu führen. Viele Persönlichkeiten kamen und gingen, dies zeigte Wirkung im „sozialen Miteinander“. Kollegen kämpfen gegen Kollegen, die Eltern solidarisierten sich abwechselnd mit dem Kollegium und dann mit den ausscheidenden Lehrern. Eltern gegen Eltern war oft zu erleben.

Die Besinnung auf die gemeinsame Arbeit für die Zukunft der Kinder einte alle Beteiligten nach wirklichen Anstrengungen, die Pädagogik rückte wieder in den Mittelpunkt, eine neue sehr fruchtbare Phase der Schule begann. In der Oberstufe entstanden Praktika, die Jahresarbeit für die 12. Klasse und die Ernährungslehre in Klasse 9 wurden eingeführt. Der Zuständigkeitsbereich der einzelnen Fächer wurde neu bedacht und zugunsten von mehr Verantwortung für einzelne Kollegen gestrafft.

Eine weitere Tagung des Bundeselternrates fand bei uns statt.

1981 entstand auf Initiative von Werner Neumann und Milenko Kaukler das Turnlehrerseminar des Bundes der Freien Waldorfschulen in Heidenheim. Viele Kolleginnen und Kollegen übernahmen Aufgaben in dieser Ausbildung und machten sie zu einer neuen Form der „Lehrerbildung“. Die Schule erfuhr eine belebende Erweiterung ihres Wirkens, das ganze Schulleben war bereichert.

Es folgte eine ruhige, kraftvolle Arbeitszeit ohne Höhepunkte. Die Förderarbeit wurde sorgfältig vorbereitet und nahm seine Arbeit auf. Sie wurde gestützt durch einen Förderverein, 1991 von Eltern, Lehrern und Freunden gegründet.

1988 kündigte sich eine neue Krise an. Die Pädagogik schwächelte an vielen Stellen, Schwung und Ideen fehlten. Die Eltern waren beunruhigt und trafen sich unter dem Motto: Wie können wir helfen? Das Kollegium verstärkte die pädagogische Arbeit und versuchte neue Impulse zu setzen. Auch das rechtliche Umfeld der Schule kam auf den Prüfstein. Es wurde der Versuch gemacht, die Schule sozial neu zu organisieren. 1990: Die Organe erhielten eine größere Selbständigkeit. Eine neue Satzung und eine neue Schulordnung entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Eltern.

Parallel dazu ging das Kollegium mit den Vorstandsmitgliedern in Klausur und versuchten mit Herrn Harslem, der die Veranstaltung als Schulberater führte, ein neues Konzept für die Zukunft zu entwickeln. Erst 1990, dann 1992 wurde dabei Rückschau gehalten und die erkannten Forderungen der Zukunftsarbeit beleuchtet. Zur Realisierung kam es aber nicht.

Es entstand ein freies Seminar für Lehrerbildung, in dem interessierte Eltern tiefer in die Waldorfpädagogik eingeführt wurden.

Die Schule wurde auf Initiative des Hauskreises farblich neu betrachtet und nach einem Entwurf des Farbgestalters Uwe Janke neu ausgemalt.

1993 begann ein erster Schritt zur Selbständigkeit der Lehrer, indem eine neue Gehaltsordnung ausgearbeitet und nach intensiven Gesprächen und Änderungen verabschiedet wurde. Sie beinhaltete für die an den Konferenzen mitarbeitenden Angestellten, unabhängig der äußeren Gegebenheiten (Stundenzahl, Familie...) einen Gehaltswunsch mitzuteilen. Sollte die mit dem Vorstand ausgehandelte Summe im Topf nicht reichen, wurden durch gewählte Obleute Gespräche mit den Kollegen geführt, um eine Minderung auf freiwilliger Basis zu erreichen.

1994 folgte eine Neuregelung der Altersversorgung an der Schule und ein Versuch die rechtliche Selbständigkeit der Lehrer einzurichten.

1996 feierte die Schule ihr 50jähriges Bestehen mit vielen öffentlichen und internen Veranstaltungen. Eine Delegiertentagung des Bundes der Freien Waldorfschulen und eine weitere Elternratstagung rundeten das Jubiläum ab.

Zum Schuljahreswechsel 1997/98 wurde das Turnlehrerseminar nach Freiburg verlegt.

1999 erfolgte ein weiterer Versuch die Selbständigkeit der Lehrer herbeizuführen. Eine Initiativgruppe aus dem Kollegium griff alle bisherigen Bedenken auf und ludt Fachleute aus allen wichtigen Bereichen, des Rechts, der Wirtschaft und der anthroposophischen Forschung ein, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Eine regelmäßige Forschungsarbeit mit Herrn Voss von der Ulmer Firma Impuls, die schon unsere Altersversicherung betreute, begleitete das Bemühen. Diese Arbeit wurde nach sorgfältigem Prüfen des „Machbaren“ der Schulführungskonferenz vorgestellt und - abgelehnt.

2000 - Der Reform-Wille der Schulgemeinschaft führte zur Suche nach Änderungen in der Struktur. Ein „Personalkreis“ aus Mitarbeitern in der Schulführungskonferenz wurde zur besseren Koordination der vielen Anstellungsmodalitäten gebildet. Die innere und äußere Notwendigkeit einer „Qualitätssicherung“, bei uns dann „Qualitätsentwicklung“ genannt, wurde beschlossen. 

2001wurde die 5-Tage-Woche eingeführt. Ein jahrelang erarbeitetes Ergebnis, dass für die Kinder und Jugendlichen ein 6-Tage-Rhythmus richtig ist, wird zugunsten der „Allgemeinen Zeitforderung“ zurückgestellt. Die als Ausgleich gedachte Harmonisierung des Tagesablaufs (rhythmischer Stundenplan) kommt nicht zustande. Es wurden Arbeitsgruppen in der Mittagspause eingerichtet.

Im April 2002 war die Freie Waldorfschule Heidenheim in ihr 9. Jahrsiebt gegangen. Wird sie die Kraft zu einer neuen Form, finden? Bleiben die Schüler und deren Entwicklung im Vordergrund?

Mai 2002 - G. Luft.
von der Red. für das Internet angepasst

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