Grundlegendes zur Pädagogik

"Nicht gefragt soll werden: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht; sondern: Was ist im Menschen veranlagt und was kann in ihm entwickelt werden? Dann wird es möglich sein, der sozialen Ordnung immer neue Kräfte aus der heranwachsenden Generation zuzuführen. Dann wird in dieser Ordnung immer das leben, was die in sie eintretenden Vollmenschen aus ihr machen; nicht aber wird aus der heran wachsenden Generation das gemacht werden, was die bestehende soziale Organisation aus ihr machen will "

Rudolf Steiner " Freie Schule und Dreigliederung"
 

Die Waldorfschulbewegung hat in den letzten Jahren, wie wenige andere private Schulinitiativen, die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit auf sich gezogen. Ablesbar ist dies an den kontinuierlich steigenden Schulneugründungen. Waren es im Jahr 1980 noch 69 Schulen in der Bundesrepublik, so verzeichnete der Bund der Freien Waldorfschulen 1997 bereits 168 Schulen in Ost und West, die alle aus Elterninitiativen erwachsen sind. Auch in anderen europäischen Ländern ist eine zunehmende Tendenz zur Beschäftigung mit der Pädagogik des Anthroposophen Rudolf Steiner zu verzeichnen.

Die Waldorfpädagogik wird oft dahingehend missverstanden, dass man sie als Alternativpädagogik unter der Vielzahl anderer pädagogischer Angebote sieht. In noch umfassenderem Maße gilt dies gegenüber der Anthroposophie als Geisteswissenschaft, wie auch gegenüber deren Anwendungsgebieten in Medizin-, Natur- und Sozialwissenschaften sowie der Landwirtschaft. Anthroposophie versteht sich aber nach Steiner nicht als Alternative (oder Ersatz) zur Wissenschaft überhaupt oder zu irgendeiner Spezialwissenschaft sondern als deren Erweiterung und Ergänzung, indem sie Wahrnehmungsgebiete zu erschließen versucht, die dem Menschen zwar prinzipiell zugänglich sind, aber in der traditionellen Wissenschaft noch nicht berücksichtigt werden. Denn diese geht immer noch von der physisch-leiblich-sinnlichen Wahrnehmung und der durch die Leibesorganisation bedingten Verstandestätigkeit aus. Selbst in einer Grenzwissenschaft wie der Parapsychologie stehen dem Forscher in den meisten Fällen keine eigenen, unmittelbaren Wahrnehmungen und Erfahrungen rein geistiger Art zur Verfügung, sondern nur Vorstellungen echter oder vermeintlich nichtsinnlicher Erlebnisse anderer Menschen.

Eltern, die ihre Kinder der Waldorfschule anvertrauen, können erwarten, dass diese Kinder in dem Sinne der Lebenstüchtigkeit erzogen und unterrichtet werden. Das heißt, die Kinder sollen zu Menschen erzogen werden und für ein Leben unterrichtet werden, die den Anforderungen entsprechen, für die jeder Mensch, gleichgültig aus welcher Gesellschaftsklasse er stammt, sich einsetzen kann. So wird die Waldorfschule eine Volksschule sein, die ihre Kinder so erzieht und unterrichtet, dass Lehrziele und Lehrplan aufgebaut sind auf die in jedem Lehrer lebendige Einsicht in das Wesen des ganzen Menschen. Lehrziele und Lehrpläne sollen so gestaltet werden, wie sie sich aus der gekennzeichneten Menschen- und Lebenserkenntnis ergeben.
Der Schule wird das Kind anvertraut in einem Lebensabschnitt, in dem die Seelenverfassung in einer bedeutungsvollen Umwandlung begriffen ist. In der Zeit von der Geburt bis zum sechsten oder siebenten Lebensjahr ist der Mensch dazu veranlagt, sich für alles, was an ihm zu erziehen ist, ganz an die ihm nächststehende menschliche Umgebung hinzugeben und aus dem nachahmenden Instinkt heraus die eigenen werdenden Kräfte zu gestalten. Von diesem Zeitpunkt an wird die Seele offen für ein bewusstes Hinnehmen dessen, was vom Erzieher und Lehrer auf der Grundlage einer selbstverständlichen Autorität auf das Kind wirkt.
Weniger deutlich ausgeprägt, aber für die Erziehungs- und Unterrichtskunst gleich bedeutungsvoll wie die Umwandlung der Seelenverfassung im sechsten Lebensjahr findet eine eindringliche Menschenerkenntnis eine solche um den Zeitpunkt der Vollendung des neunten Lebensjahres herum. Da nimmt das Ichgefühl eine Form an, welche dem Kinde ein solches Verhältnis zur Natur und auch zur anderen Umgebung gibt, dass man zu ihm mehr von den Beziehungen der Dinge und Vorgänge zueinander sprechen kann, während es vorher fast ausschließlich Interesse entwickelt für die Beziehungen der Dinge und Vorgänge zum Menschen. Solche Tatsachen der Menschenentwicklung sollen vom Erziehenden und Unterrichtenden ganz sorgfältig betrachtet werden. In der Erkenntnis der besonderen Anforderungen der Lehrabschnitte liegt die Grundlage für ein sachgemäßen Lehrplan. Als Beispiel kann man die ersten Schuljahre zum Schreib- und Leseunterricht nehmen:
Man sollte das Schreiben aus dem Zeichnen heraus entstehen lassen. Aus Formen, an denen der kindlich-künstlerische Sinn des Kindes zur Geltung kommt. Und erst aus dem Schreiben heraus lasse man das Lesen erstehen, dass die Aufmerksamkeit stark in das Gebiet des Intellektuellen zusammenzieht.
Noch zu erwähnen sind die musikalische und die bildnerische Kunst, sowie die Eurythmie, die als Bewegungskunst Musik und Sprache sichtbar macht, als wichtige Grundpfeiler der Waldorfpädagogik.

Die Waldorfschule wird dem Kind einen Unterricht und eine Erziehung geben, die den Leib des Kindes seinen Bedürfnissen gemäß sich gesund entwickeln lässt, weil die Seele, deren Ausdruck dieser Leib ist, in der Richtung Ihrer Entwicklungskräfte entfaltet wird. Durch diese Zielrichtung glauben diejenigen, die an der Einrichtung der Schule beteiligt sind, in das pädagogische Lebensgebiet zu tragen, was der sozialen Denkungsart der Gegenwart entsprechend ist.

Unter Verwendung von Auszügen aus: "Die pädagogische Grundlage und Zielsetzung der Waldorfschule" von Rudolf Steiner; 
Jürgen Stumpf

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